Sich in ungezwungenem Rahmen über Bücher austauschen, Lesetipps empfangen, eine Kritik wagen, sich überzeugen lassen, lesen, auslesen, vorlesen, diskutieren …Mach mit bei den Leselustigen. Tauche ein in die wunderbaren, poetischen, lehrreichen, ins Denken bringenden literarischen Welten jeden Genres und aus mehreren Epochen.
Wir treffen uns monatlich zum lustvollen Book-Talk. Jeder Mensch ist herzlich willkommen. Weitere Infos bei Amira: 076
250 05 58.
Für alle, die nicht dabei sein können, sind die Büchertipps der Leselustigen
auch im Bücherschrank am Marktplatz und bei Bücher Lüthy in Grenchen präsent.
Wir treffen uns am Dienstag, 22. April 2025 um 19 Uhr, unsere Gastgeberin ist Yvonne Kieliger, Hofweg 35, Grenchen. Interessierte sind herzlich willkommen! Hier findest du einen kurzen Leitfaden, wie du dein Buch vorstellen kannst.
Lest ihr Bücher von Autor:innen, die euch unsympathisch sind? Diese Frage löste an unserem Februar-Treffen heisse Diskussionen aus. Gemeint sind nicht Schriftsteller:innen mit einer ethisch verwerflichen Haltung, sondern einfach Unsympath:innen. Die einem an einer Lesung, in einem Podcast, einem Interview in ihrer Art zuwider waren. Grundsätzlich sind wir alle der Meinung, dass Werk und Autor:in getrennt voneinander zu beurteilen sind.
Aber wer will schon ein Buch im Regal haben, das einen ständig an eine widerliche Type erinnert? Wir haben unterschiedliche Strategien entwickelt: Jede Möglichkeit vermeiden, einen persönlichen Eindruck von der Autorin, dem Autor zu bekommen. Entsprechende Bücher nicht kaufen oder entsorgen. Oder aber einfach anerkennen, dass auch ein unsympathischer Mensch ein Buch schreiben kann, das einem gefällt.
Alain Claude Sulzer – ist das nicht…? Ja genau, der Autor mit dem «Z-Wort»-Buch. Aber dieses Buch nur wegen des Skandals zu kennen, ist schade, findet Anna. Denn in «Fast wie ein Bruder» geht es um existentielle Fragen: Freundschaft und Abschied, Kunst und Ruhm, (Homo-)Sexualität. «Mich hat die Geschichte sehr berührt.»
Der Ich-Erzähler ohne Namen und Frank wachsen fast wie Brüder auf. Die enge Freundschaft wird rissig, als Frank in der Pubertät sein Schwulsein entdeckt. Ihre Wege trennen sich: Frank geht nach New York, der Ich bleibt zurück in Deutschland; Frank malt wie besessen, bleibt aber erfolglos, der Ich wird erfolgreicher Kameramann in der Werbebranche. Ab und zu telefonieren sie miteinander. Als sich Frank mit Aids ansteckt und klar ist, dass er daran sterben wird, kehrt er in die alte Heimat zurück. Die Freunde kommen einander wieder so nahe, wie sie es in der Kindheit waren. Frank malt auch im Spitalbett ununterbrochen, bei seinem Tod hinterlässt er seinem Freund über zweihundert Bilder. Die durch einen Diebstahl erst verschwinden, dann überraschend in einer Galerie auftauchen – und das ist nicht die letzte Wendung.
Sulzer wurde 2025 für sein Gesamtwerk mit dem Solothurner Literaturpreis geehrt. Die Verleihung findet am Sonntag, 1. Juni 2025, im Stadttheater Solothurn statt (im Rahmen der Solothurner Literaturtage).
Alain Claude Sulzer: Fast wie ein Bruder. 2024, Kiepenheuer & Witsch, 192 S.
Freundschaft ist in «Anständige Leute» von Leonardo Padura ebenfalls ein wichtiges Thema. So wichtig, dass man wegen der Freund:innen in Kuba bleibt, obwohl alles fürs Fliehen spricht. Paduras Krimi ist auch ein gesellschaftskritischer Politroman mit historischem Hintergrund: Ein Kunst-Zensor, der einige Leben zerstört hat, wird tot aufgefunden. Ausgerechnet mitten in den Vorbereitungen für den Besuch Obamas und das Rolling Stones-Konzert. Ex-Kommissar Conde (für Padura-Leser ein alter Bekannter) wird gebeten, bei der Aufklärung zu helfen. Widerstrebend willigt er ein, schreibt aber parallel an seinem Roman über das Erscheinen des Halleyschen Kometen 1909 weiter.
Jan Herman hat fast alle Bücher von Padura gelesen. «Ich habe durch ihn viel über das Leben in Kuba erfahren. Er kommt in alle Schichten, in die exklusiven Kreise wie in die elenden Viertel. Padura versucht, die Leute zu verstehen, auch wenn es Mitläufer und Denunzianten sind. Ausserdem mag ich seine Sprache, vor allem die Art, wie er seine Sätze aufbaut.»
Leonardo Padura: Anständige Leute. 2022 spanisch/2024 deutsch, Unionsverlag, 400 S.
«22 Bahnen» von Caroline Wahl wurde von der Kritik gehypt und war 2023 das Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels. Als Myriam es im offenen Bücherschrank entdeckte, überwand sie kurzerhand ihre Aversion gegen junge Schriftsteller:innen und griff zu. «Die Geschichte entwickelte eine Sogwirkung. Ich kann kaum glauben, dass Wahl das Buch in nur drei Monaten geschrieben hat. Es liest sich trotz seiner Eindringlichkeit schnell und ich konnte mich gut in die Protagonistin einfühlen.»
Die Ich-Erzählerin Tilda, Mathematik-Studentin, lebt zusammen mit ihrer alkoholkranken Mutter und der kleinen Schwester in klar strukturierten Bahnen. 22 Bahnen schwimmt sie denn auch einen Sommer lang jeden Morgen in der Badi. Dabei spürt sie, dass sie aus diesem Leben ausbrechen muss: die Alkoholkrankheit ihrer Mutter hat viel kaputt gemacht, sie sorgt sich permanent um ihre Schwester, die Kleinstadt engt ein. Wie sie trotz aller Widrigkeiten von «ich kann nicht weg» zu «ich gehe» kommt, schildert Wahl in knapper, junger Sprache.
Caroline Wahl: 22 Bahnen. 2023, DuMont Buchverlag, 208 S.
Bei «Adressat unbekannt» von (Kathrine) Kressmann Taylor schliessen sich Amira und Isabella für einmal widerspruchslos Elke Heidenreich an: «Ich habe nie auf weniger Seiten ein grösseres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zu viel, keines fehlt.» Das Buch erschien erstmals 1938 in den USA und erregte sofort grosses Aufsehen. Nach und nach schaffte es den Weg nach Europa, ins Deutsche wurde es aber erst 2001 übersetzt. Ein Nachwort erklärt die Hintergründe und ebenso, weshalb der Vorname der Autorin weggelassen wurde.
Der Jude Max Eisenstein und der Deutsche Martin Schulse betreiben eine erfolgreiche Kunstgalerie in San Francisco. 1932 kehrt Schulse nach Deutschland zurück. Zuerst skeptisch gegenüber Hitler, wird er zum glühenden Nationalsozialisten. In rund 50 Briefen erzählt «Adressat unbekannt» die dramatische Entwicklung der Freundschaft und die Geschichte einer bitterbösen Rache.
Kressmann Taylor: Adressat unbekannt. Originalausgabe englisch 1938, deutsch erstmals 2001, aktuelle Ausgabe 2015, Verlag Atlantik, 96 S. (Kleinformat)
«Dieses Buch hat alles, was mir an einem Roman gefällt: Komplexität, eine gesellschaftliche Situation mit moralischen Abgründen und Verschweigen. Ich bin fasziniert, wie der Autor mit wenigen Worten Taten und das Dazwischen visualisieren kann, ohne dass er pathetisch wird.» So Yvonnes Statement zu «Abbitte» von Ian McEwan. «Trotz der komplexen Geschichte ist das Buch packend.»
Eine Zwölfjährige zerstört eine Familie durch eine falsche Zeugenaussage. Erwachsen und einsichtig geworden, versucht sie ihr ganzes Leben lang, Abbitte zu leisten. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die so eng mit dem Inhalt verknüpft sind, dass wir hier nur verraten können: Teil I spielt 1935, Teil II im zweiten Weltkrieg und Teil III in der Nachkriegszeit in Grossbritannien.
«Abbitte» war ein Welterfolg, wurde verfilmt und von der «Zeit» als tiefenpsychologisches Meisterwerk bezeichnet.
Ian McEwan: Abbitte. Im englischen Original 2001 erschienen, deutsch 2002, seither mehrere Ausgabe beim Diogenes Verlag, zuletzt 2024 in der Deluxe-Version. Die Seitenzahlen variieren je nach Ausgabe zwischen 544 und 720.
Kühlschrank füllen, Handy ausschalten und alle Termine fürs Wochenende absagen: Das sind Isabellas Empfehlungen für «Die Rache – sie haben nichts zu verlieren» von Juan Gomez Jurardo. «Das Buch ist so spannend, dass man nur immer weiter drin bleiben will, und dabei fast das Atmen vergisst.»
Gomez Jurardo ist Spaniens erfolgreichster Thrillerautor, seine Bücher werden in über 40 Sprachen übersetzt, mehrere wurden verfilmt. In «Die Rache» fliesst fast kein Blut. Dafür gibt es umso mehr halsbrecherische Action, rasante Sprache mit (sehr) kurzen Kapiteln, einen überraschender Plot und – typisch für Gomez Jurardo – skurrile Figuren mit irrwitzigen Ideen. Drei Frauen rächen sich oder, wie der Autor sagt, ändern die Regeln, damit nicht immer die Gleichen gewinnen. Aura: erfolgreiche Investmentbankerin, deren Welt in Trümmer geschlagen wurde. Mari Paz: hochdekorierte Ex-Legionärin, die in ihrem Auto lebt und sich hauptsächlich von Alkohol ernährt. Sere: Ausnahme-Informatikerin, die mehrschichtig betrogen wurde und isoliert lebt. Das Scheitern ihrer Pläne gehört zum Programm. Aber dann setzen die drei alles auf eine Karte, denn: sie haben jetzt wirklich nichts mehr zu verlieren. Ausser ihren Leben natürlich…
Juan Gomez Jurardo: Die Rache – sie haben nichts zu verlieren. 2022 spanisch/2024 deutsch, Goldmann, 656 S.